Du und Ich

Texte-Archiv

TIMM noch im „Winterschlaf”

„Es wird noch einige Wochen dauern, bis die Weichen für die Zukunft gestellt sind”: Interview mit Geschäftsführer und Programmdirektor Frank Lukas über die Situation von Deutschlands schwulem Sender

Frank Lukas (Foto: Deutsche Fernsehwerke GmbH)

DU&ICH 17.5.2010 • Vor fast drei Monaten, am 21. Januar, musste der TIMM-Betreiber, die Deutsche Fernsehwerke, Insolvenz anmelden. TIMM sendet immer noch, aber ihr musstet bluten, das merkt man dem Programm an. Wie geht es dem Sender? Ein Großteil des Tages läuft ja der unsägliche Teleshop!

Frank Lukas: TIMM befindet sich sozusagen gerade im Winterschlaf. Das Programm startet erst ab 17.00 Uhr. Sicherlich wird es noch einige Wochen dauern, bis die Weichen für die Zukunft von TIMM gestellt sind. Dann fahren wir Programm und Reichweiten sukzessive wieder rauf.

Werdet ihr im harten Konkurrenzkampf unter all den frei empfangbaren Sendern überleben?

Die Medien erleben zur Zeit einen radikalen Umbruch. Dabei spielt das Internet eine immer größere Rolle. Aber egal auf welcher Plattform in Zukunft Programmangebote statt finden, Alleinstellungsmerkmal und Community sind wichtigste Voraussetzung für den Erfolg. Und genau das macht TIMM stark für die Zukunft. Eine klare Positionierung, eine abgrenzbare, spannende Zielgruppe und hochwertiger Content.

Seid ihr nicht auch enttäuscht von der schwulen Community, die euch offensichtlich nicht genug geschaut hat, euch teils Desinteresse entgegen gebracht hat, ja euch vielleicht nicht wirklich braucht?

Der Zuschauerzuspruch war und ist nicht das Problem. Im Gegenteil! Täglich schauen uns 12,3 Prozent der Zielgruppe der schwulen Männer, in der Woche sogar 28,8 Prozent (Quelle: Innofact) Momentan liegen wir aufgrund des Reichweitenabbaus sicherlich etwas unter diesen Werten. Auf Plattformen wie queer.de  bekommt TIMM immer beste Programmnoten. Wir antworten heute noch auf tausende Mails aus der schwulen Community. In kürzester Zeit avancierte TIMM zum Lieblingssender vieler schwuler Männer. Das uns entgegenbrachte Interesse und Vertrauen hat uns von Anfang an überwältigt.  

Hättet ihr von Anfang an nicht auch mehr auf die Lesben setzen müssen?

TIMM zeigt mehr für Lesben als irgendein anderer Fernsehsender. Mit L-Word, Curl Girls, Sugar Rush etc. waren Lesben seit Sendestart ganz fester Bestandteil des Programms.

Mal ehrlich: Den Denver Clan wollte doch echt keiner sehen! Die Ausstrahlung wurde ja jüngst endlich eingestellt.  Habt ihr anfangs nicht auch auf allzu viele falsche Pferde gesetzt?

Mit dem erstem Serien-Homo im TV und der damals aktuellen Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität für ein Millionenpublikum gehört Denver-Clan zu einer der wichtigsten und relevantesten Kultserien für Schwule. Und ganz nebenbei konnten wir mit dem Denver-Clan kurz vor der Primetime unsere Quote verdoppeln. Unsere Zuschauer reagierten extrem enttäuscht auf die Absetzung.

Lässt sich gut gucken, ist gut gemacht und nebenbei auch noch sexy: „Noahs Arc” läuft auf TIMM (Foto: Deutsche Fernsehwerke GmbH)

Ihr habt Perlen wie Ru Paul’s lustiges Dragqueen-Casting und vor allem viele tolle und vor allem neue britische Serien im Programm – „Metrosexuality” ist grandios –, zeigt ambitionierte Spielfilme, die sicher nicht viel Quote bringen,  eure Nachrichten-Sendung TIMM TODAY musste Federn lassen – bräuchtet ihr nicht irre viel mehr Geld, um auf Dauer überleben zu können?

Das Problem von TIMM ist nicht die Performance sondern die Finanzierung. Ein Free-TV-Sender benötigt mindestens zwei bis drei Jahre bis zum Break-Even. Andere Sender wie NTV oder Super RTL brauchten noch wesentlich länger. Aufgrund der Finanzkrise gibt es momentan fast keine Investitionen in TV-Projekte. Und das macht den Weiterbetrieb von TIMM als frei empfangbares Medium so schwer. Allein die Reichweiten kosten jährlich mehrere Millionen.

Träumen ist ja erlaubt: Wir Lesben und Schwule zahlen alle GEZ, ein Teil davon an euch – das wär’s doch! Schließlich erfüllen die öffentlich-rechtlichen Sender trotz Bemühungen nicht gerade eine queer Grundversorgung …

Und uns würde ein ganz, ganz kleiner Teil ja sogar genügen. (lacht) Tatsächlich ist es schwer nachzuvollziehen, wohin die GEZ-Milliarden fließen. Gefühlt werden für die Verfilmung des Winterschlafs von Kreuzottern mehr Produktionsmittel bereit gestellt als für die Umsetzung homo relevanter Themen. Vielleicht sollten wir versuchen, die GEZ-Gebühren einzuklagen. Das wäre zwar sicherlich ein sehr langer und ausgesprochen teurer Prozess. Aber auf jeden Fall ein gute Idee.

Interview: Andreas Hergeth

Stellenanzeige

DU&ICH sucht ... Anzeigenberater/in. Das Heft erscheint ab 1. Mai in der neu gegründeten Special Media SDL GmbH.

Mehr hier lesen ...

Schwul Urlaub machen? queer-travel.net: wir waren wirklich dort!


TV-Tipps von du-und-ich.net

Wir haben alle Sender auf dem Schirm! Alle queeren Spielfilme, Serien, Dokus auf einen Blick – geordnet nach Tagen. (Foto: iStock/mgkaya)

zu den TV-Tipps

Out-in-berlin.de

Gay Guide Berlin 2012 Die besten Bars, Clubs, Partys, dazu Kultur und Sehenswürdigkeiten – auf Deutsch und Englisch!

Gay Berlin Guide
Heft
April/Mai 2012Jetzt am Kiosk
› hier abonnieren!
› E-Paper