Du und Ich

Reise

Unter Männern: schwule Kreuzfahrten im Test

Auch Skeptiker werden bisweilen zu Wiederholungstätern und begeistern sich für Partys und Blind Dating auf dem Wasser

DU&ICH • Hunderte von schwulen Männern warten aufgeregt im Hafen von Barcelona. Beim Einchecken auf dem Kreuzfahrtschiff werden sie mit einer Umarmung vom Bordchef auf das Freundlichste begrüßt. Ein Umstand, der Stefan aus Frankfurt am Main zu Beginn seiner ersten schwulen Kreuzfahrt 2006 noch ein bisschen seltsam vorkam. „Hoffentlich wird mir das nicht too much“, zweifelte er auf der Gangway.

Aber nur zwei Stunden später, bei einer Party am Pooldeck und mit der frischen Meeresluft in der Nase, war er sich darüber im Klaren: „Das wird der geilste Urlaub meines Lebens.“ Inzwischen ist der 33-jährige Marketing-Betriebswirt bereits neunmal mit Tausenden von Gays in See gestochen. Auswahl hat er zur Genüge: Da Kreuzfahrten das einzige noch Wachstum versprechende Segment im touristischen Markt sind, wird auch das Gay-Segment der ausschließlich US-amerikanischen Veranstalter ständig ausgebaut. Listeten bis vor einigen Jahren die Kataloge nur Reisen durch die Gewässer Nord- und Südamerikas, schlägt der Kompass inzwischen auch Richtung Europa aus. An Bord einer europäischen Kreuzfahrt befinden sich dann auch um die 40 Prozent europäische Gäste. Die viertgrößte Nationalität soll nach der amerikanischen, kanadischen und englischen
die deutsche sein.

Das kalifornische Unternehmen Atlantis Events ist mit acht bis zehn Kreuzfahrten pro Jahr größter Anbieter im schwulen Markt. Der einzige Konkurrent RSVP wurde 2008 von Atlantis aufgekauft. Im Sommer schickt Atlantis beispielsweise die brandneue Luxusschüssel „Celebrity Equinox“ mit 2850 urlaubenden Männern von Venedig nach Athen (mit Übernachtungen in Istanbul und Mykonos). Die Equinox wurde wirklich mit allen Schikanen versehen – und ist das einzige Schiff der Welt mit einer Rasenfläche an Deck. Atlantis Events chartert diese Giganten direkt von den großen Reedereien dieser Welt. Und laut Steve Roth, Pressesprecher von Atlantis, sind deren Reaktionen auf den schwulen Overkill an Bord durchaus positiv: „Atlantis bringt nur wenig Verwaltungspersonal an Bord, der Großteil wird von der Reederei gestellt. Die Crewmitglieder wollen oft sogar unbedingt auf den schwulen Kreuzfahrten arbeiten – weil die Gäste als lustiger, freundlicher und relaxter als die Hetero-Urlauber gelten.“

Damit so eine Reise zum unvergesslichen Event wird, bekommt man an Bord so einiges geboten: Bis zu zehn Restaurants und Bistros mit den unterschiedlichsten Küchen, tägliche Tea-Dances und Partys sowohl an Deck als auch in den bordeigenen Nightclubs, Bingo, Kochkurse, ein Sportangebot vom Fitnessclub bis Beachvolleyball sowie ein ausgefeiltes Cabaret- und Showprogramm. Die zumeist US-amerikanischen und hierzulande eher unbekannten Entertainer und Comedians
erfordern zwar gute Kenntnisse der englischen Sprache, doch auch international
erfolgreiche Stars wie Jennifer Hudson, Chaka Khan, Andy Bell (Erasure) oder Roseanne Barr sorgten bereits für die Bord-Unterhaltung.

Kreuzfahrt-Fan Stefan aus Frankfurt ist begeistert: „Es gibt Dating-Events wie Meet Your Neighbour oder International, wo auch ein Single sehr schnell Bekanntschaften macht. In keinem Urlaub kommt man so schnell in Kontakt mit Leuten. Einziges Problem für Alleinreisende ist, dass Einzelkabinen sehr teuer sind. Eine halbe Doppelkabine ist zwar buchbar, aber da kann man auch Pech haben.“

Eine Woche Kreuzfahrt kostet in der Regel ab 899 Dollar in der Innenkabine (Flug zum Ablegeort des Schiffs muss separat gebucht werden) – was je nach Dollarkurs geradezu ein Schnäppchen sein kann, bedenkt man, dass die Verpflegung (ohne alkoholische Getränke) sowie das Party- und Entertainment-Programm inklusive sind. Nach oben hin sind hier kaum Grenzen gesetzt: Die Penthouse Veranda Suite auf der Eurodam kostet stattliche 12.999 Dollar. Was die Preise betrifft, liegen die beiden Anbieter Atlantis und RSVP auf einem vergleichbaren Niveau, die Unterschiede liegen eher in Feinheiten. „RSVP ist ein bisschen förmlicher“, erklärt Pressesprecher Steve Roth. „Auf den Atlantis-Kreuzfahrten läuft jeder rum, wie er will, RSVP legt beim Abendessen Wert auf Garderobe. Die Gäste von RSVP sind mit einem Durchschnitt von 45 auch etwas älter als die eher 35- bis 40-Jährigen bei Atlantis – wobei wir alle Altersgruppen von 21 bis 81 an Bord haben. Bei RSVP fahren allerdings mehr Paare mit.“

Nichtsdestotrotz scheint RSVP Weltmeister im Partymachen zu sein, wie Stammkreuzfahrer Stefan begeistert erzählt: „RSVP hatte auf der Westerdam eine spitzenmäßige Outdoor Disco-Area. Auf einer in Italien gemieteten Showbühne gab es jeden Abend die besten Partys des Mittelmeeres – mit Mottos von Toga über Leder bis 70er Jahre. Besser als jede Gayparty in deutschen Clubs.“
Mittlerweile hat Stefan den Gayromeo-Club Atlantis-Gay-Cruises gegründet, um sich mit anderen Kreuzfahrern und denen, die es werden wollen, auszutauschen und zu verabreden. Da sich jede gewünschte Reise bequem über ein deutsches (schwules) Reisebüro oder via Internet buchen lässt, ist das auch kein Problem. Aber Achtung, Suchtgefahr! Steve Roth von Atlantis formuliert es so: „Wer einmal eine schwule Kreuzfahrt gemacht hat, fährt immer wieder mit.“

Michael Prenner
Alle Infos und Reisen bei den Veranstaltern:
www.atlantisevents.com, www.rsvpvacations.com
Buchbar z. B. über:
www.rosa-reisen.de, www.teddytravel.de

FOTOS: WOLFGANG WEISS, WWW.ATLANTISEVENTS.COM (1)

9flats
Heft
Februar/März 2012Jetzt am Kiosk
› hier abonnieren!
› E-Paper