Reise
Marokko: statt „gay“ ist man hier „diskret“
Drei Stationen, drei Welten: Tanger – Marrakesch – Casablanca

du-und-ich.net – Marokko betört sämtliche Sinne und verheißt „die vollkommene Freiheit“, wie es André Gide einmal schrieb. Will man wissen, ob das stimmt, sollte man das Land aber nicht gerade im Fastenmonat Ramadan besuchen, weil einem da nicht selten die Herzlichkeit der Marokkaner verborgen bleibt. Die Städte wirken wie ausgestorben, weil Muslime tagsüber dem Essen, Trinken und allen Vergnügungen entsagen. Sie sind genervt und schauen Seifenopern mit edlen Männern mit Schnurrbart-Attrappen im Gesicht und gottgefälligen Frauen. Ab 17 Uhr dann versammeln sich scheinbar alle Marokkaner vor der Glotze, sie zappen hektisch zwischen Soaps und einer Art „Gebets-TV“ hin und her, in dem Geistliche beispielsweise das Ende des Fastens herbeipredigen.
Und so lag auch der Autor dieses Beitrags mit seinem Freund, von dem später noch die Rede sein wird, auf einem Bett eines Hotelzimmers in Tanger und wartete darauf, dass aus Mekka das „Go!“ kam, was gegen 19 Uhr denn auch geschah und beide übereinander herfallen ließ.
Tanger – einst Ziel von Aussteigern
In der Altstadt von Tanger scheint die Zeit stillzustehen. Es wird gefeilscht wie im Mittelalter, Händler bedrängen einen in den verwinkelten Gässchen, Straßenkinder betteln, es ist eine zum Teil unerträgliche Emotionsmelange. Es ließe sich durchaus behaupten, dass, hat man in Marokko eine Medina gesehen, man alle gesehen hat.
Rolf Italiaander schrieb 1952 in seinem Buch „Nordafrika heute“: „Die Literatur des Volkes ist und bleibt der Röntgenschirm seines Innenlebens.“ Das mag stimmen, heute aber leben die bekanntesten marokkanischen Schriftsteller nicht in ihrem Land, sondern anderswo, in Paris etwa wie Tahar Ben Jelloun. Der beschreibt in „Verlassen“ die Sehnsucht junger Marokkaner nach dem gelobten Land, das Europa heißt. Sie hocken an den Promenaden und starren hinüber auf das nur wenige Seemeilen entfernte Spanien. Es schmerzt sie, dass sich täglich Tausende Touristen übers Meer nach Marokko bringen lassen, ihnen selbst aber der umgekehrte Weg verschlossen bleibt.

Tanger befand sich einst in einer Freihandelszone, die Stadt war das Ziel von Aussteigern, die hier ihr Denken zum Tanzen brachten. Truman Capote hat sich in Tanger auf die „Suche nach dem Ich“ begeben und dabei wohl am Petit-Socco-Platz am Fuße der Medina einen hübschen Jungen gefunden. Damals wie heute prostituieren sich junge Männer hier, und mancher schwule Besucher bleibt da auf seiner Suche nach erotischer Authentizität auf der Strecke.
Beim Thema Prostitution ertönen an den Hotelrezeptionen die Alarmglocken, denn Homosexualität ist in der islamischen Welt verboten. So hat der Autor einen jungen Mann kennen gelernt, der zwar kein Prostituierter ist, aber in den Augen marokkanischer Hotelangestellter durchaus einer sein könnte mit seinem schönen Äußeren. Die Toleranz gegenüber Schwulen ist in Marokko zwar stärker ausgeprägt als in anderen islamischen Ländern, aber sie hat ihre Grenzen. Sie ließe sich mit dem Vorgehen in der US-Army vergleichen: „Don’t ask – don’t tell!“ Wer aber mit einem Marokkaner ein Zimmer teilt, gibt ein deutliches Zeichen. Kaum hatten der Autor und sein junger Freund im Ibis-Hotel in Rabat die Zimmertür geschlossen, stürmte ein Hotelpage hoch, ignorierte das „Do not disturb!“-Schild, um – trotz Doppelzimmerbuchung – zu fragen, was denn der gemeinsame Bezug des Zimmers zu bedeuten habe. Die angewiderten Gesichtszüge des Mannes sprachen dabei Bände.
Marrakesch – die „Pink City“
Beim Versuch, Marrakesch zu beschreiben, überschlagen sich die Reiseführer: Schmelztiegel der Kulturen; Vergänglichkeit und Gegenwart wechseln sich ab … Alles das stimmt. Eines aber wird hier nur hinter vorgehaltener Hand gesagt: Marrakesch ist „Pink City“. Hier wirbt zwar kein Club mit einem „gay-friendly“ oder gar „gay“. Und doch gibt es Schwulenclubs und Cruisingareas, in denen es ziemlich offen zur Sache geht. Im „VIP-Club“ oder im „Diamant Noir“ im Hotel Marrakech gegenüber bleibt der schwule Mann nicht lange allein, wobei es sich bei den Jungen, die einen da mit Komplimenten überhäufen, nicht selten – aber eben auch nicht immer – um Prostituierte handelt.
Der Platz Djemma el-Fna, die „Versammlung der Toten“, war einst eine Richtstätte. Hier lässt sich ein Welttheater genießen mit Artisten, Schlangenbeschwörern, Musikern, Schreibern und Heilkundigen. Wenig nur hat sich verändert hier, seit Autoren wie Elias Canetti oder Hubert Fichte im „Café Glacier“ oder im „France“ saßen und ihren Blick über den Platz schweifen ließen. Feilschen bedeutet hier nicht so sehr ein „Übers-Ohr-Hauen“, sondern hat viel mit dem Bekunden gegenseitigen Respekts zu tun. Und hier lässt es sich prächtig feilschen, wobei die „Regel“ lautet: Preis erfragen und dann die Hälfte von der Hälfte bieten. Eine gute Verhandlungsebene, bei der Mimik und Gestik von großer Bedeutung sind.
600.000 Touristen strömen jährlich über diesen Platz, und da verwundert es nicht, dass das Fotografieren einer tänzelnden Kobra zwanzig Dirham kostet, also zwei Euro. Die Händler und ihre Geldeintreiber werden auch körperlich zudringlich, woraufhin man ganz böse gucken und in der scharfen Entgegnung mindestens zweimal das Wort „Police“ erwähnen sollte. Anschließend wird man zwar verflucht, kann aber weiter seines Weges gehen.
Casablanca – diskret
Casablanca ist die Handelsmetropole des Landes. Laut und dreckig ist diese Stadt, die vom Klang des gleichnamigen Films lebt, obwohl nicht eine einzige Szene hier gedreht worden ist. Trotzdem sollten Fans den Weg ins wirklich schöne „Rick’s Café“ finden, im ersten Stock läuft der Film in einer Endlosschleife. Riesig ist die Moschee Hassan II, und geht man weiter, kommt man auf den feinen Boulevard de la Corniche mit seinen Beachclubs und dem gay-freundlichen Club „Village“. Junge Männer flanieren Hand in Hand, selbst vor der Moschee umarmen und küssen sie sich. In diesen Kulturkreisen sind das starke Gesten unter guten Freunden (!), wobei nicht unerwähnt bleiben sollte, was T. E. Lawrence in seinem Epos „Die sieben Säulen der Weisheit” beschrieben hat: „Derartige Freundschaften führen oft zu männlicher Liebe von einer Kraft und Tiefe, von der sich unsere einseitig auf das Egoistische eingestellte Anschauung keinen Begriff machen kann.“

In „Casa“ hat es sich dann endgültig gezeigt, dass es falsch ist, sich in Marokko mit seinem Lover in Hotelketten einzumieten. Im Restaurant des Ramada-Hotels kam ein Kellner an den Tisch und fragte den jungen Begleiter des Autors, was er denn mit diesem älteren Mann an seinem Tisch zu schaffen habe. Dies sorgte bei ebenjenem älteren Mann für einen Wutanfall, der nicht vergnügungssteuerpflichtig war, wobei der junge Mann zu mehr Gelassenheit riet und ein arabisches Sprichwort zitierte: „Jeder tut, was ihm gefällt, denn reden werden die Leute immer!“ Dann sagt er „kif-kif“, was so viel wie „egal“ heißt und auch der Titel des einzigen Homomagazins im Islam ist, das man allerdings kaum finden kann. Hotels sollte man also meiden und stattdessen nach Gästehäusern (Riads) suchen, die eine gay-freundliche Betreuung ihrer Gäste mit dem Wörtchen „diskret“ andeuten.
Text und Fotos: Holger Doetsch




