Reise
Katalonien: schwules Mekka
Egal ob im Badeort Sitges oder im wunderbaren Barcelona: schwule Touristen sind hier durchweg gut aufgehoben und willkommen
Pride in Barcelona, Foto. Andreas HergethDU&ICH • Schwules Mekka. Das klingt wie plumpe Werbung aus dem schwulen Reisekatalog. So, als ob in Sitges nur muskelgestählte, finanzstarke und Gucci-gewandete Edelschwule absteigen, die es sich (anatomisch betrachtet) leisten können, am Mittelmeerstrand in knappsten Badehöschen zu flanieren. Dem ist aber nicht so. Hier lassen es sich Schwule unterschiedlicher Verfassung gut gehen, jüngere genauso wie ältere, die ganz schlanken wie die fülligeren, auch die Nationalitäten sind gemischt, wobei die Deutschen neben den Briten die Hauptgruppe ausmachen.
Sitges ist extrem schwulenfreundlich. Das ist kein bloßes Lippenbekenntnis cleverer Marketingmenschen, sondern Tatsache. Vielleicht auch notgedrungen. Denn in der kleinen Stadt sieht man Schwule überall. Solo, in Gruppen oder als händchenhaltendes Paar vor allem – wie im Süden üblich – unter freiem Himmel am schönen Sandstrand (fußnah kurz hinterm Altstadtkern gelegen) oder in den schwulen Cafés, Restaurants und Kneipen. Aber keine Bange. Es gibt auch Kneipen wie das „El Horno“, wo sich das Nachtleben drinnen abspielt: klein, aber charmant, Mann ist unter sich, und dank Darkroom kann es auch richtig zur Sache gehen.
Sitges, Foto: Andreas HergethWenn man will. Denn verdammt heiß ist es in Sitges den Sommer über. Aber im „El Horno“ wird man dank Klimaanlage gut runtergekühlt, wie übrigens fast überall (bei der Hotelbuchung unbedingt auf Klimaanlage achten). „,El Horno‘ gibt es seit 1975, es ist damit die erste schwule Bar, die in Sitges eröffnet wurde, gleich nachdem Diktator Franco starb“, erzählt Luis Enriquez, selbst Besitzer von fünf schwulen Etablissements wie dem „Parrots Restaurant“, dem „Parrots Hotel“ (3 Sterne) oder der „Parrots Sauna“.
Weil Sitges so klein ist und die rund 20 Diskotheken und Kneipen nur einen Katzensprung auseinanderliegen, lässt sich alles bequem zu Fuß ablaufen. „Es gibt regelrechte Stoßzeiten“, erklärt Luis Enriquez. Mal ist es hier eine Stunde gerammelt voll, mal dort. Weil der Laden nur für kurze Zeit brummt, muss sich das Geschäft lohnen: Leider macht das die Getränke recht teuer.
Die Stadt selbst ist ein Traum. Viele Gassen in der Altstadt sind für den Autoverkehr gesperrt. Sind ja auch viel zu eng, weil uralt, hat sich Sitges doch von einem kleinen Fischerdorf zur florierenden Touristikstadt gemausert. Ein Spaziergang bei Nacht und auch am Tag ist angenehm, es lässt sich trefflich flanieren, die Eindrücke sind vielfältig und bunt, hier weht ein schöner wie sinnlich erfahrbarer Wind – in echt, vom Meer kommend – und der Wind der Geschichte, dem man im „Museum Maricel“ anhand vieler prachtvoller alter Stücke nachspüren kann.
Barcelona, Fotos: Andreas HergethWer genug von der Kleinstadtidylle hat, fährt nach Barcelona. Ohnehin sollte man beide Orte einplanen, wenn man in Katalonien Urlaub macht. Barcelona also, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und der Autonomen Gemeinschaft Katalonien in Spanien – die „heimliche Hauptstadt“ des Königreiches, wie viele Barceloner ihre Stadt gerne nennen. Kurz: Barcelona ist ein Traum, nicht nur wegen der schönen südländischen Männer.
Der Strand, einst künstlich aufgeschüttet, ist vier Kilometer lang. Doch die Abkühlung kann warten, die Verlockungen der katalanischen Hauptstadt sind zu vielfältig und zu süß … Sehenswürdigkeiten nimmt man am besten zu Fuß in Augenschein. Am bekanntesten ist zweifelsohne der Parc Güell, eine von Antoni Gaudí (1852–1926) entworfene Parkanlage, eine Art Märchenwald mit Fabelwesen. Auch an imposanten Bauwerken mangelt es nicht. Die Catedral de la Santa Creu i Santa Eulàlia im gotischen Viertel ist zu empfehlen und – natürlich – immer wieder Gaudí. Seine Casa Milà, das Steinbruchhaus, besitzt keine rechten Winkel, beherbergt u. a. eine Ausstellung über den weltbekannten Architekten, der Barcelona seinen modernistischen wie unverwechselbaren Stempel aufdrückte. Sein Lebenswerk, die Kirche Sagrada Família, ist das Wahrzeichen Barcelonas.
Die traditionelle Siesta ist in der quirligen Millionenstadt zwar nicht so richtig wahrnehmbar, aber der südlichen Hitze folgend, beginnt hier das gesellschaftliche Leben später als in deutschen Gefilden. Deshalb scheint Barcelona nie zu schlafen. Schon gar nicht in Gaixample, dem LGBT-Viertel mit vielen Bars, Restaurants, Diskotheken und Geschäften, die entweder in schwuler Hand sind oder homofreundlich. Hier gibt es zum Beispiel mit „Punto“ die älteste Szenekneipe der Stadt. Oder das schicke „Museum“, eine stylishe Bar, wo es gemischt zugeht. „Die Leute hoppen in der Nacht von Bar zu Bar und von Disko zu Disko“, erklärt David Martí Nonell, Chef des Vereins Pride Barcelona, das Phänomen, als es nachts um 1.30 Uhr auf einmal proppevoll in der Diskothek „Metro“ wird – einem von zehn Gay-Clubs der Stadt. „Das ist hier immer so“, sagt David. Die Katalanen machen die Nacht zum Tage. Viel Schlafen ist hier nicht.
Barcelona bietet 18 Homo-Bars wie „Dietrich“ oder „La Chapelle“ plus sieben Kneipen wie „Berlin Dark“ (Fetisch) oder „La Base“ (Nacktpartys), wo „Men only“ gilt. Und es gibt Saunen und drei Sexshops mit Darkroom wie das „Boyberry“, in dem es neben Pornos für den schnellen, anonymen Sex kostenlose Kondome nebst Gleitgel gibt – daneben hängt eine offizielle Plakette der Stadt, die attestiert, dass das „Boyberry“ Prävention betreibt.
Während es in Sitges schon länger eine Art schwulen Karneval und auch einen Pride gibt, guckten die Barceloner bislang in die Röhre (oder fuhren nach Madrid). Im Sommer 2009 fand endlich die lang ersehnte Pride-Premiere statt. Vereine und Unternehmen der Szene, Kommune sowie Regionalregierung hatten an einem Strang gezogen, um ein Signal für Respekt und Toleranz zu setzen. Das ist gelungen! Dabei wäre das hier gar nicht nötig: Barcelona ist seit langem eine der LGBT-freundlichsten Städte Europas.
Andreas Hergeth
Informationen: Katalonien Tourismus, Frankfurt am Main,
Tel.: 069/74 22 48 73, www.catalunyaturisme.com (auf Deutsch)

