Reise
Antwerpen: super schwule Infrastruktur
Das „kleine Brüssel“ überrascht mit Vielfalt, kurzen Wegen und einer reichen Geschichte
Pridefestival in Antwerpen, c: Hoger Doetschdu-und-ich.net • Antwerpen kann in vielfacher Hinsicht überraschen. Das fängt schon bei der Anfahrt vom Flughafen Brüssel an. Die Orientierung fällt leicht. Selbst des Englischen Unkundige kommen hier mit Deutsch weiter. So gut wie alles Wichtige ist in vier Sprachen zu lesen. Auf Französisch für die Wallonen, auf Niederländisch für die Flamen, auf Deutsch für die deutsche Minderheit, und auf Englisch für alle. Wer die ausufernden hässlichen Randbereiche der Stadt übersieht, wird mit wachem Auge auf Anhieb feststellen: Die Innenstadt, vor allem das Viertel rund um den Bahnhof, wird von orthodoxen Juden geprägt.
Es sind viele. Rund 40.000 sollen es sein, damit ist die Stadt eins der großen jüdischen Zentren in Europa. Es ist spannend, die Orthodoxen mit ihrer altertümlich wirkenden Kleidungsstil anzuschauen, auch wenn das sicher nicht höflich ist. Doch die Antwerpener Juden scheinen es gewöhnt, Touristenattraktion zu sein. Man sieht sie wirklich überall, zu jeder Tageszeit sind sie unterwegs, auch nachts. Das gibt dem touristischen Flaneur subjektive Sicherheit, wenn er nachts eine halbe Stunde lang von der Party ins Hotel läuft.
Denn tagsüber kommt man mit dem gut ausgebauten Straßenbahnnetz gut durch die Stadt. Ähnlich wie in anderen kleinen Großstädten dieser Welt – siehe Kopenhagen, Stockholm oder Zürich – kommt man innerstädtisch auch gut zu Fuß zurecht. Doch nachts? Vergiss den Nachtbus. Undurchsichtige Routen! Und fährt viel zu selten. Aber Taxi! Tja, Pech. Antwerpen – um das vorwegzunehmen – ist an sich sehr touristenfreundlich. Allein: Es gibt kaum Taxen in der Stadt. Nachts einfach eins anhalten wie in Köln oder Berlin? Denkste! Da muss man eben laufen.
c: Toerisme Mechelen-Tourismus Flandern BruesselWas fällt noch auf? Überall sind Schmuckläden zu sehen. Die Stadt mit dem zweitgrößten Seehafen Europas ist ein wichtiges Zentrum für den Handel und die Weiterbearbeitung von Diamanten. Und, was man nicht auf Anhieb sieht, aber im Nachtleben schell herausfinden kann: Antwerpen ist so was wie die Schwulenhauptstadt der Region Flanderns, ach was, ganz Belgiens. Dabei zählt die Stadt nicht mal eine halbe Million Einwohner, sondern nur rund 483.000. Besonders bei den Amerikanern ist die Stadt beliebt. Der Lage geschuldet, sind aber auch viele Deutsche, Niederländer, Franzosen und Briten hier.
Die Stadtväter wissen das und setzen deshalb nicht von ungefähr auf Gay Marketing, „Pink Tourism“ nennt man das. In der Tat ist Antwerpen eine offene und tolerante Stadt, in der viele Nationen und Menschen verschiedenster Religionen zusammenleben. In Antwerpen fand immerhin der erste Gay Pride Belgiens statt. Die Eurogames gastierten hier 2007, die Outgames werden 2013 stattfinden. Jährliche Veranstaltungen wie Navigaytion und natürlich der Antwerp Pride sind international bekannt. Und im schönen alten Rathaus finden auch schwule und lesbische Hochzeiten statt. Peter De Wilde, der Generaldirektor von Toerisme Vlaanderen, hat hier seinen Ehemann geheiratet …
Mehr als 70 Cafés, Bars und Clubs locken – ein Gay Village wie in anderen Städten gibt es nicht, sie sind über die ganze Stadt verstreut. Es gibt schwule Homepages und Broschüren, Stadtpläne, Vereine, Clubs, Bars, Partys – kurz: eine super schwule Infrastruktur. Und natürlich viele gayfreundliche Hotels. Das Leopold Hotel ist so eins. Es liegt günstig im Innenstadtkern und vis-à-vis der grünen Lunge Antwerpens, dem Stadtpark, wo man gut flanieren und auch cruisen kann. Nur darf man sich bei Letzterem nicht erwischen lassen. Öffentlicher Sex ist hier trotz aller Liberalität verboten. Sicherer geht das eh in den Saunas und Fetischclubs der Stadt.
Wer – das soll es ja auch geben – von Sex nichts wissen will, sondern Kunst und Kultur schnuppern will, wer Lust auf Architektur, Shoppen oder Fashion hat, ist mit Antwerpen bestens bedient. Weil vieles fußnah zu haben ist, lässt man sich am besten entspannt treiben. Irgendwann strandet man vor dem Peter Paul-Rubens-Haus, wo der Meister einst residierte. Alte Möbel, viele seiner Meisterwerke, die alten Treppen, die riesigen Bleiglasfenster (Licht für den Meister!) und erst der Garten: ein Kleinod und bestens in Schuss, ah, wie schön! Bloß nicht verpassen – und darauf ein Glas Champagner in der schicken Champagner-Bar in luftiger Höhe mitten im „Stadsfeestzaal“. In der Tat handelt es sich dabei um den ehemaligen Stadtfestsaal mit viel Stuck und noch mehr Gold, nicht mehr gebraucht, ist er jetzt zum edlen Shopping-Center umgebaut.
Hungrig? Dann schnell noch ein paar Pommes hinterher, ohne geht’s hier eh nicht. Wer will, kann hier aber auch koscher speisen oder sich exquisite Menüs gönnen, die entweder bio – Geheimtipp: das „Faites Simple“ in der Quellinstraat 30 – oder nicht, aber immer ziemlich teuer sind. Zum Runterspülen noch eins der belgischen Biere, dafür ist das Land ja schließlich bekannt. Und für seine Pralinen, ach! In Antwerpen gibt es gleich mehrere Manufakturen, die ihre Schokolade selbst herstellen genauso wie ihre Pralinen. So behält man Antwerpen in leckerer Erinnerung.
Andreas Hergeth
The Kinky's (li.), La Rocca (re.)Wenn Brüssel gaytechnisch das kleine Paris ist, dann ist Antwerpen das kleine Brüssel. Hier ein Rundgang:
Eine lange Partynacht in Antwerpen beginnt man am besten nachmittags in der Gay-Sauna. Das ’t Herenhuis und das Badhuis haben da seit vielen Jahren einen guten Ruf, was Sauberkeit und Events angeht. Frisch gesäubert, könnte man sich dann am besten zu einem ausgedehnten Abendessen im P.Preud’Homme niederlassen, wo eine Reservierung dringend empfohlen wird. Das Restaurant ist nicht gerade preiswert, aber die Kellner sowie die beiden schwulen Geschäftsführer,
die demnächst heiraten wollen, kümmern sich aufmerksam um die Gäste. Die Küche – Pommes findet man hier auf der Karte nicht – ist ausgezeichnet.
Wer es preiswerter mag und trotzdem gute Küche bevorzugt, geht ins Reload mit Bio-Küche (gay) oder sucht das heimelige Weinbistro La Douce nahe der schönen Kathedrale auf, wo man unbedingt einen kleinen Tisch im ersten Stock
ergattern sollte (non-gay).
Bevor man sich dann so richtig ins Partyleben begibt, lassen sich im Popi Café Cocktails genießen. Barkeeper Lennart sieht man an, dass er sein Geld ansonsten auf Laufstegen verdient. Total angesagt ist der Club Red & Blue, der 1:1 in New York, Berlin oder London angesiedelt sein könnte und eine der größten Gay-Diskos Europas ist. Hip ist auch das Hessenhuis. Wer es härter mag und auf Cruisen steht, geht ins The Kinky’s, Fetischfreunde wiederum pilgern zu Steven und Stefan in die Oink Oink Bar. Oder ins Gay Ron, ein Pornokino nahe dem Bahnhof und inmitten weiterer schwuler Clubs. Wer aber hier in Gay-Bars wie dem Body Boys von einem hübschen Jungen angemacht wird, sollte wissen, dass selten er, sondern eher seine Geldbörse das Objekt der Begierde ist.
Aktuelle Infos über die verschiedenen Homepages sind Gold wert. Auch, weil Antwerpens schwule Bars laufend dichtmachen, dafür aber gleichzeitig neue Locations entstehen. Gut, dass Pornostar Philippe Delvaux mit seinem Blog unter philippedelvaux.blogspot.com aktuelle und wertvolle Tipps zum Nachtleben gibt.
Holger Doetsch
Infos auch unter: gay-antwerp.com



