Queer Family
Immer mehr Schwule wollen Kinder. Doch wie – und warum?
Stephanie Gerlach klärt in ihrem Sachbuch „Regenbogenfamilien” umfassend auf
Schwule Familie zum Gucken: Im schwedischen Spielfilm „Patrik 1,5” wünscht sich ein schwules Paar ein Kind … Auf DVD bei Edition Salzgeberdu-und-ich.net • Handbücher, und erst recht seitenstarke, kommen oft recht dröge daher. Doch das 382-Seiten-Werk „Regenbogenfamilien. Ein Handbuch“ von Stephanie Gerlach beginnt ganz Sachbuch-untypisch mit einer Widmung, einer beschwingten dazu: „Für meine wunderbare Regenbogenfamilie – you are the wind beneath my wings“, zu Deutsch: „Ihr seid der Wind unter meinen Flügeln.“
Was das Sachbuch belebt, sind immer wieder Extrakte aus den Interviews, die die Autorin geführt hat: „Ich habe Kinder immer gemocht und überlegt, Kinderarzt zu werden. Aber in einer schwulen Lebensrealität haben Kinder nicht viel verloren. So habe ich diese Schublade zugesperrt. Zum Glück habe ich sie dann irgendwann wieder aufgemacht, als ein befreundetes Lesbenpaar meinen Ex-Partner und mich fragte, ob wir Väter werden wollen.“
Das Zitat stammt von Helmut, 43 Jahre. Erinnerungen und Alltagsgeschichten wie diese sind es, die dem Buch Schwung geben – eingebettet in 14 Kapitel, die von „Familiengründung“ und „Rechtliche Absicherung“ über „Was brauchen Kinder aus Regenbogenfamilien“ und „Konflikte gehören dazu“ bis hin zu „Politik und Community“ und „Forschung“ reichen.
„Ganz viele Schwule suchen Infos zum Thema und Bestätigung für ihren Wunsch nach Kindern”
„Ich glaube, ganz viele Schwule suchen Informationen zum Thema und Bestätigung für ihren Wunsch nach Kindern“, sagt Stephanie Gerlach im Gespräch mit du-und-ich.net. In ihren Interviews habe sie herausgefunden, dass nicht nur das Selbstbewusstsein angehender schwuler Väter zunimmt, sondern dass sich viele Schwule jetzt eher trauen würden, zu ihrem Kinderwunsch zu stehen. Für genau diese Männer (und Frauen) hat Stephanie Gerlach ihre Bibel der Regenbogenfamilien-Welt geschrieben.
Insgesamt 74 Menschen – Paare und Singles – hat sie während zwölf Monaten für dieses Buch befragt. Deren Antworten und ihre eigenen Erfahrungen sowie wissenschaftliche Erkenntnisse machen alles zu einem Ganzen: Welche Vorbilder brauchen Kinder in Homo-Familien? Was bedeutet es, aktiver Vater und nicht nur biologischer zu sein? Was passiert mit dem Kind, wenn die Liebe zwischen den Vätern vorbei ist? Wie einigen sich ein Lesbenpaar und ein Schwulenpaar über Aufwachsen und Erziehung gemeinsamer Kinder?
Sachbuchautorin Stephanie Gerlach (Foto: Barbara Stenzel)Stephanie Gerlach informiert sachlich, klärt darüber auf, wo der Weg zum Kind holprig und unangenehm werden kann, erzählt mit einem Augenzwinkern aus eigener Familienerfahrung und begibt sich dabei in Themenecken, die nicht jeden Tag beschrieben werden – wie etwa Migrationsfragen oder Midlife-Crisis-Probleme.
„Ich wollte von Anfang an ganz viele Themen ansprechen, und bei den Interviewpartnern war auch ein großer Redebedarf da“, sagt die Autorin, die schon seit 1990 wissenschaftlich zum Thema „Lesben/Homosexuelle und Kinder“ arbeitet und damals auch ihre Diplomarbeit dazu schrieb. Ihr lägen drei Kapitel besonders am Herzen: Zum einen sei das Thema „Gründliche Vorüberlegungen“ so wichtig. In der Euphorie über den entschlossenen Kinderwunsch sollten die wichtigsten Fragen nicht aus dem Blick geraten: „Schwule Männer brauchen eine Frau, die ein Kind geboren hat – ganz gleich, ob es um Pflegschaft, Adoption oder womöglich Leihmutterschaft geht.“
Leihmutterschaft gebe es jedoch nur im Ausland und sie koste ein Vermögen. Adoption funktioniere nur im Ausland, sei langwierig und kostspielig. Zudem könnten die frischgebackenen Eltern plötzlich mit Rassismus konfrontiert sein. „Das ist nicht einfach mal eben durchgearbeitet.“ Bleibt die Variante Pflegekinder. Die brächten manchmal allerdings eine schwierige Geschichte mit, bräuchten meist mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit als leibliche Kinder.
„Das Thema Kinder wird durchaus sehr kontrovers in der Schwulenszene diskutiert”
„Das Kind ist da – und was jetzt?“ ist ein weiterer wichtiger Info-Punkt für Gerlach. Denn ist das Kind erst auf der Welt, sei das Leben ein ganz anderes: „Das Thema Kinder wird durchaus sehr kontrovers in der Schwulenszene diskutiert. Männern mit Kinderwunsch wird oft ein Nachahmen von heterosexueller Kleinfamilie vorgeworfen und eine Verspießerung“, sagt Gerlach. Daraus folge ein „Lagerkampf“ zwischen denen, die mit dem Thema Familiengründung gar nichts anfangen können, und denen, die ihren Kinderwunsch in die Tat umsetzen.
Der Punkt „Transfamilie“ ist Stephanie Gerlach besonders wichtig, nicht nur weil das Thema immer noch sehr selten diskutiert werde: „Ein Transmann sagte in einem Gespräch zu mir: ‚In der Trans-Community sind wir dort, wo die schwul-lesbische Gemeinschaft vor 30 Jahren war.‘“ In den Interviews berichteten die Befragten auch von ihrem Ärger über die ihrer Ansicht nach „menschenunwürdigen deutschen Gesetzregelungen“. Es habe sie bewegt, wie viel dort noch getan werden müsse.
Das Regenbogenfamilien-Handbuch schafft es zugleich, Ängste zu nehmen und Gedanken anzustoßen.
Dabei will Stephanie Gerlach auch ermutigen, denn sie weiß: „Viele schwule Väter haben es immer noch ganz schön schwer, denn ihr Kinderwunsch wird in gewissen homophoben Kreisen schnell in die Nähe von Pädophilie gerückt.“ Hinzu käme die sehr traditionelle Auffassung von Familie – nämlich dass für ein gelingendes Aufwachsen von Kindern in jedem Fall eine Mutter gehört. So schwer der Weg zum Papa-Sein auch manchmal ist, die Autorin sagt – und das auch wieder im Sachbuch-untypischen Schreibstil –, es lohne sich: „Unsere Regenbogenfamilie ist eine tägliche Quelle der Inspiration.“
Jana Schulze
Buchtipp:
Stephanie Gerlach | Regenbogenfamilien. Ein Handbuch | Querverlag



