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Historischer Comic: „Insel der Männer”
Seite 20 aus dem Comic „Insel der Männer”DU&ICH 21.11.2010 • Ausgerechnet ein Comic – oder besser gesagt: eine Graphic Novel – ist es, die uns ein vollkommen unbekanntes Kapitel schwuler Geschichte Italiens aufzeigt: Von 1938 bis 1943 wurden dort etwa 300 Homosexuelle auf einer Insel interniert – ohne gesetzliche Grundlage, legitimiert durch mehr oder weniger willkürliche Erlasse auf Bezirksebene.
Die Graphic Novel „Insel der Männer“ von Luca de Santis (Autor) und Sara Colaeone (Zeichnerin) erzählt die Geschichte von Antonio Angelicola, genannt „Niné“ oder „Ninella“, der in das Lager eingewiesen wird, nachdem man ihn im Stadtpark von Salerno mit einem anderen Mann aufgegriffen hat. Auf der Insel – San Domino, eine der Tremiti-Inseln in der Adria vor Kalabrien etwa in Höhe von Foggia – trifft Antonio „Ninella“ auf Leidensgenossen wie den ehemaligen Priester Don Nicola und die Brüder Francesco und Sabino Paterno.
Seite 35Die Erzählweise ist etwas kompliziert, denn aus irgendwelchen Gründen hat das Lager den Comicmachern Sara Colaeone und Luca de Santis dramaturgisch nicht ausgereicht. Vielleicht war es ihnen auch zu sehr aus der Gegenwart entrückt. Sie erzählen die Geschichte also in Rückblicken aus der Gegenwart, die im Jahr 1987 angesiedelt ist, weil heute keiner der vormaligen Insassen des Lagers auf der Insel mehr lebt: Zwei junge Filmstudenten wollen einen Dokumentarfilm drehen und fahren deswegen Antonio Angelico, der mittlerweile ein alter Mann ist, wieder auf die Insel. Der sträubt sich dagegen und muss erst mühsam überredet werden, die beiden zu begleiten. Außerdem wird über einen der jungen Filmemacher angedeutet, dass er selbst eine Geschichte zu erzählen hätte – sein verehrter Lehrer wurde mal wegen homosexueller Gerüchte aus dem Schuldienst entfernt. Ausgeführt wird das jedoch nicht, statt dessen verwirrt es zusätzlich – mehrere Plots auf insgesamt doch recht wenig Raum.
Vielleicht wollte das Team de Santis/Colaone ein bisschen zu viel erzählen. Vielleicht stößt auch die Erzählform Comic/Graphic Novel hier an ihre Grenzen. Eine komplexe Geschichte mit mehreren Szenarien und Erzählebenen ließe sich mit Worten vielleicht doch leichter beschreiben als mit Bildern. Wobei die Geschichte auch starke Momente hat, etwa die, in denen nur wenig gesagt wird und die Bilder doch wirken.
Seite 45Trotz der angeführten Kritikpunkte ist „Insel der Männer“ lesenswert. Es erzählt eine unbekannte wahre Geschichte, und es probiert mit Graphic Novel eine ebenso ungewohnte Darstellungsform aus. In einem Nachwort fasst der deutsche Comic-Papst Andreas C. Knigge noch einmal den historischen Kontext zusammen. Das ist löblich, gerade wenn man wenig über diese Zeit weiß.
Malte Göbel
Luca de Santis, Sara Colaone | Insel der Männer | mit einem Essay von Andreas C. Knigge | Schreiber und Leser




