Bob Mizer: Königreich der Kerle

Bob Mizer fotografierte sein Leben lang Männer. Erst in schwarzweiß, nach dem Tod seiner Mutter auch in Farbe und endlich auch ganz nackt. Dem Pionier der amerikanischen Männer-Aktfotografie ist der prachtvolle Bildband „Bob’s World” gewidmet.
Die tägliche Arbeit war Bob Mizers Lebenselixier”, erzählt einer seiner Freunde, der Maler John Sonsini. Das glaubt man angesichts der imposanten Hinterlassenschaft sofort: abertausende Fotos von Männern, mal halb, mal ganz nackt. Jetzt haben es rund 250 von ihnen in einen opulenten Bildband geschafft, der die zweite Schaffensperiode eines Mannes ehrt, der schon früh dem männlichen Körper verfallen war.
Bob Mizers Tagebücher aus frühen Jahren sind überliefert. Darin bekannte er sich schon als Teenager zu seinem Schwulsein – freilich nur heimlich. Denn seine Mutter legte Wert auf strenge moralische Grundsätze, sie führte in Los Angeles eine Pension, ebendort lebte Bob Mizer bis zu seinem 42. Lebensjahr. Etwas bieder sahen seine Fotografien bis dahin dann auch aus: Ausschließlich in Schwarzweiß setzte er Männer in Szene, ohne jemals völlig nackte Typen abzulichten. 24 Jahre lang.
Er veröffentlichte die Bilder in seinem eigenen Magazin. 1945 hatte er Athletic Model Guild (AMG) gegründet, ein Unternehmen, das sich der männlichen Aktfotografie verschrieben hatte. Nur zwei Jahre später saß er deshalb sechs Monate im Gefängnis – die Verbreitung männlicher Nacktfotografie per Post war damals strafbar. Doch das focht den Pionier der homosexuellen Aktfotografie nicht an. Im Gegenteil: 1951 brachte er die erste Ausgabe von Physique Pictorial heraus, es handelte sich um Amerikas erstes Magazin, das sich sehr offen zu schwuler Sexualität bekannte. Seit 1958 drehte er einschlägige Filme; 1963 folgte das Magazin Young Adonis. Erst 1968 wurden die US-Gesetze zu Nacktaufnahmen liberalisiert. In den 60er- und 70er-Jahren ließen sich Schauspieler und Bodybuilder von Bob Mizer fotografieren, seine Aufnahmen von Joe Dallesandro und Arnold Schwarzenegger sind legendär. Physique Pictorial hat Bob Mizer 41 Jahre lang publiziert. Damit errang er Berühmtheit – und Unsterblichkeit.
Nach dem Tod seiner Mutter 1964 schuf sich Mizer schnell sein eigenes Königreich der männlichen Fleischeslust. Er war wie befreit. Nun zeigten die Jungs und Kerle alles – in psychedelisch bunt leuchtenden Farben. Ein Querschnitt der verblüffend witzigen, mitunter skurrilen, aber immer hocherotischen Farbfotografien findet sich jetzt in dem prächtigen Bildband „Bob’s World: The Life and Boys of AMG’s Bob Mizer”, der erstmals die zweite Hälfte von Bob Mizers Karriere würdigt. Die mehr als 250 Fotografien werden von Geschichten und Zitaten von Künstlern, Fotografenkollegen, Models oder auch Wayne Stanley, Erbe des Mizer-Nachlasses, begleitet. Auch liegt dem großformatigen Band eine DVD mit einer Laufzeit von einer Stunde bei, eigens für diese Ausgabe produziert, die Mizer-Filme aus den Jahren 1958 bis 1980 dokumentiert.
Ach ja, und Mamas Guesthouse? In den 1970er- und 1980er-Jahren baute sich Bob Mizer seine eigene Welt rund um die ehemalige Pension seiner Mutter auf, ein gruppiertes Anwesen für Dutzende seiner jungen Models. Die Jungs kampierten im Freien, umgeben von Hühnern, Gänsen, Ziegen und Affen, römischen Statuen, ausrangierten Weihnachtsbäumen und allen möglichen Requisiten. Alles integrierte Mizer in seine zunehmend skurrileren Filme und Fotos. Er hat Ringkämpfe nachgestellt, Krankenhausszenen und allerlei Sportarten. Er ließ seine Modelle als Matrose, Cowboy, Sträfling, Soldat oder mit folkloristischen Versatzstücken als Indianer oder Hawaiianer posieren. Immer nackt, da waren die Möglichkeiten der Draperie begrenzt. Umso erstaunlicher die Ergebnisse, viele zeitlos schön und sexy. Das alles lässt sich nun nachblättern. Schwule Geschichte zum Anfassen, Schauen und Staunen.
Andreas Hergeth
Dian Hanson (Hrsg.) Bob’s World | Taschen Verlag | Hardcover + DVD | 288 Seiten39,99 Euro |







