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Enttarnt im Feld: Schwule Soldaten in Afghanistan
Über das schwule „Flecktarnistan“, Mut und Ängste – Ein Essay und Erlebnisbericht von der anderen Front

Nur Feiglinge tarnen sich! Nur Selbstverräter verstecken sich! Bertram war in Fahrt und betrunken. Im nichtalkoholisierten Zustand war dieser Mann die Liebenswürdigkeit in Person. Offen und herzlich. Ein 44-jähriger, gestandener Mann, der viel lachte. Aber wenn es darum ging, ob man als schwuler Mann in der Bundeswehr auch offen als schwuler Mann und Soldat auftreten sollte, war es mit der Bertam’schen Güte vorbei – vor allem im alkoholisierten Zustand. Dabei hatte ich nur gefragt, warum es nicht mehr schwule Offiziere wie ihn gebe. Zumindest welche, die kein Geheimnis daraus machten. Er hatte als schwuler Offizier im Rang eines Hauptmannes anscheinend keine Probleme in der Armee, weder mit offener Diskriminierung noch mit widerspenstigen Untergebenen.
Noch bis zu Beginn der Nuller-Jahre herrschte in der Bundeswehr die Meinung, dass schwule Soldaten Autoritätsprobleme hätten und in Untergebenen Sexobjekte sehen würden. Aber Schwule waren und sind Bestandteil der Bundeswehr. Schätzungen gehen von etwa fünf Prozent aus. Das wären 9.000 schwule Soldaten bei aktuell 180.000 männlichen Bundeswehrangehörigen. Hörte sich nach einer kleinen Nummer an, für Bertram eine absurd niedrige. Er ging von einer höheren Zahl aus. Mindestens zehn Prozent, so seine Schätzung. Wenn die sich nur trauen würden! Gerade für die vielen, ungeouteten Rekruten wäre es eine unglaubliche Ermutigung, wenn sich ihre schwulen Vorgesetzten zu ihrer Homosexualität bekennen würden.
Hier stand ich mit ihm, dem großen, kräftig gebauten Mann, umringt von vielleicht 80, 90 anderen Uniformierten im Wüstentarnmuster. Wir waren auf einer Soldatenparty in einer der vielen Bars des Camp Warehouse, im Osten Kabuls, Afghanistan, Zentralasien. Ich war vor einigen Wochen in Kabul angekommen, später Frühling, 2006. Als ziviler Angestellter für Marketingpsychologie arbeitete ich für die Medienabteilung der Internationalen Schutztruppe Afghanistans (ISAF). Über einen gemeinsamen Bekannten hatten Bertram und ich uns kennen gelernt, was meine Ankunft sehr erleichterte. Denn er führte mich in den großen Militärkosmos ein mit seinen Dienstgraden, der soldatischen Denk- und Handlungsweise, seinen vielen Dogmen und „Dämlichkeiten“ (O-Ton Bertram).
Die erste Zeit war ein Bilder- und Erlebnisrausch: der Wirrwarr der Sprachen – schon 2006 beteiligten sich über zwei Dutzend Nationen am ISAF-Einsatz –, das Handeln und Gehabe der Offiziere, Attachés und Diplomaten im Kontrast mit dem erdigen Auftreten der Mannschaftsgrade, der zivilen Techniker und Spezialisten – und natürlich: das Gastland. (…)











