Du und Ich

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DU&ICH August/September 2011: Als Junge missbraucht

c: Gerd Altmann/pixelio.de

DU&ICH fragte drei Überlebende nach ihren persönlichen Erfahrungen mit sexuellem Mißbrauch. Wie sie damit leben. Wie man lernt, darüber zu reden. Wie die Spätfolgen aussehen. Frank, Werner und Ludgar waren zu einem Gespräch bereit.

DU&ICH: Ehrlich gesagt hatte ich noch nie große Schwierigkeiten, einen Einstieg zu finden, auch wenn ich die Fragen dieses Mal schriftlich stelle. – Wie fragt man danach? Man spricht ja immer vom „Unaussprechlichem“ … Vielleicht so: Wann oder wodurch kam das Thema Ihres persönlich erlebten Missbrauchs wieder hoch – bzw. brachten Sie es zur Sprache?
Frank: Richtig geknallt hat es erst, als ich durch eine Abschlussprüfung und ein Beziehungsende ohnehin schon sehr gestresst war, da wurden die PTBS- (Posttraumatische ­Belastungsstörung-)Symptome, vor allem ­Albträume, Flashbacks, Depression, Konzentrationsprobleme und Selbstverletzung ganz massiv.
Ludger: Während meines Coming-outs mit 29 habe ich immer wieder von einem Erlebnis mit einem Mann erzählt, der etwa 8 bis 10 Jahre älter war als ich. Ich war damals 10 Jahre alt. Dass dieses Ereignis keineswegs in Ordnung war, wurde mir 35 Jahre nach dem Missbrauch in einer bioenergetischen Therapie deutlich. Neben den Problemen mit meinem depressiven und gleichzeitig dominanten Vater und den Auswirkungen einer Überdosis katholischer Kirche, im Rahmen einer erzkatholischen, sexual- und körperfeindlichen Erziehung, erwähnte ich beiläufig diese Geschichte. Der Therapeut wurde hellhörig, und auch mir wurde plötzlich klar, dass dieser Mann damals Dinge von mir wollte, die mir heute als Erwachsener nicht gefallen. Außerdem – das ist ein kleines Detail, an das ich mich erinnern kann – stanken seine Hände, als er mir ins Gesicht fasste.
Werner: Ich habe schon seit meiner Pubertät massive Essprobleme. Ich litt viele Jahre an Bulimie (Ess-Brech-Sucht). Eine Fernsehdokumentation über Missbrauch ließ mich ­zusammenbrechen. Ich hatte plötzlich sogenannte „Flashs“, das  heißt auftauchende kurze Erinnerungsfetzen. Mir wurde klar, dass mir tatsächlich so etwas passiert ist.

Zur Sprache bringen: wo und bei wem?

Frank: Ich habe es zunächst bei Freunden versucht, mit sehr gemischten Ergebnissen. Zum Glück gab es in meinem Bekanntenkreis schon Menschen – Frauen und Männer –, die selbst oder deren Partner Missbrauch erlebt und teilweise verarbeitet hatten. Die haben vor mir begriffen, was los war, und mich ganz vorsichtig auf dieses Thema hingewiesen und auf eine mögliche therapeutische  Bearbeitung gebracht. Trotzdem hab ich dann erst mal ein Selbsthilfebuch zum Thema gelesen, im Internet und dann bin ich über eine Anzeige im Stadtmagazin auf eine Selbsthilfegruppe ­gestoßen. Erst danach habe ich einen Therapeuten aufgesucht.
Ludger: Kurz gesagt: Bei Menschen, bei denen man das Gefühl hat, dass sie einem zuhören und nicht vom Missbrauch überfordert werden. Wirklich in die Tiefe gehende Gespräche habe ich hauptsächlich mit meinem Therapeuten, in der Selbsthilfegruppe und mit meinen Partnern geführt.
Werner: Schwierig … Ich sprach lange mit niemand darüber. Die Scham war zu groß. Vor allem auch deshalb, weil bei mir die Täterin meine Mutter war. Und das ist natürlich ein doppeltes Tabu. Dann schaffte ich es, mit meinem besten Freund zu reden. Er glaubte mir. Obwohl meine Mutter schon lange tot ist, habe ich noch nie mit meinem Bruder darüber geredet. Ich habe Angst, sein Bild unserer Mutter zu zerstören.

Wie kann man über das „Unaussprechliche“ reden? Oder es lernen …

Frank: Es dauerte bei mir ziemlich lange, bis das möglich war, weil ich es mir selbst zuvor eingestehen musste und ich mich auch sehr geschämt habe. Mir hat es geholfen, das Erlebte zumindest in Teilen aufzuschreiben und etwas einem Freund per E-Mail zu erzählen. Da war genug Distanz, ich musste nicht sofort auf etwas antworten, konnte mich ausruhen. Auch die Verfremdung durch Übersetzung in eine andere Sprache empfand ich als hilfreich. Ich habe mein Tagebuch früher auf Englisch geschrieben, als Briefe an eine imaginäre Brieffreundin.
Ludger: Nachdem mir der Missbrauch bewusst wurde, war es für mich eigentlich kein Problem mehr, darüber zu reden. Das Problem war eher, Gefühle wie Scham, Wut und Hilflosigkeit unter Kontrolle zu halten. Für mich ist und war es wichtig, stets enge Grenzen für Gespräche über den Missbrauch zu setzen. Ich muss stets darauf achten, dass der Missbrauch nicht wieder die Kontrolle gewinnt, sondern ich die Kontrolle darüber behalte.
Werner: Dafür gibt es kein „Rezept“. Ich „übe“, das heißt, ich erzähle auch anderen Freunden davon.

 

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